Restauration eines Glashütte Fliegerchronograph aus den 1940er Jahren

Tutima_1Da wir uns auch intensiv mit der Reparatur und Restaurierung von alten, mechanischen Uhren beschäftigen, bekommen wir auch regelmäßig ganz besonders seltene und auch beinahe hoffnungslose Fälle in unsere Werkstätte.

Anhand des hier abgebildeten Glashütte Fliegerchronographen in Tutima Qualität möchte ich Ihnen zeigen, wie wir aus scheinbar aussichtslosen Fällen wieder eine schöne und sanft restaurierte Uhr machen können.

So habe ich den Glashütte Fliegerchronograph in die Werkstätte bekommen.

Tutima_1

Gehäuse total verzogen und abgeschlagen, Glas zerkratzt ….

Tutima_2

…Drücker fehlen, falsche (Taschenuhr-)Krone…

Tutima_3

…auch von hinten sieht man der Uhr an, dass sie nicht immer geschont wurde…

Tutima_4

…das Zifferblatt ist feucht geworden. Bis auf den Chrono-Sekundenzeiger sind alle Zeiger zwar verrostet, aber original.

Tutima_5

Leider hat auch das Werk in den letzten Jahren sehr gelitten. Gesplitterte Lagersteine, gebrochene Hebel und Federn (1), verrostete Schrauben (2), ausgeglühte Werkteile – die Uhr hat vermutlich wirklich einen Flugzeugabsturz hinter sich (3) – und auch die Brequetspirale (4) hat einiges abbekommen. Das Räderwerk der Uhr ist (abgesehen von eingelaufenen Zapfen) aber „Gott sei Dank“ nur extrem verschmutzt und mit einem unglaublich zähen Ölfilm überzogen – das sollte mich aber nicht vor all zu große Probleme stellen.

So, jetzt gehts an die Arbeit….

Zuerst habe ich das Gehäuse geschliffen und die Verformungen ausgerichtet. Drücker in der Dimension gibt es natürlich schon lange nicht mehr, und deswegen habe ich neue Drücker anfertigen müssen. Zuerst wollte ich auch eine neue Krone anfertigen, ich habe dann aber in meinem Fundus eine passende, nicht zu neu aussehende Krone gefunden, die ich dann an das Gehäuse angepasst habe. Die oberste Prämisse, sowohl für mich, wie auch den Besitzer der Uhr, war es, die Uhr sanft zu restaurieren. Die Uhr soll also nicht neu aussehen, sondern nach wie vor eine alte Uhr bleiben. Deswegen wurden auch nicht alle Spuren der Vergangenheit entfernt. Das Gehäuse des Glashütte Fliegerchrongraph war ursprünglich grau-matt mit einer relativ groben Oberflächenstruktur. Gemeinsam mit meinem Galvaniseur haben wir dann das Gehäuse mit größeren Glaskugeln sandgestrahlt und matt-grau galvanisiert. Es hat zwar einige Versuche an Testobjekten gebraucht, aber das Ergebnis ist wirklich sehr gut geworden.

Gehäuse nacher

Gehäuse nach dem Sandstrahlen und Galvanisieren.

Danach habe ich das Uhrwerk zerlegt und die Platinen ausgekocht (Salmiaklösung/Schmierseife) um den zähen Ölfilm von den Werkteilen zu bekommen und zum Schluss hat das Werk noch ein ausgiebiges Bad im Ultraschallgerät bekommen. Soweit waren die Platinen nun sauber und ich konnte mich der Kadratur und dem Räderwerk widmen.

Zapfen vorher

Minutenrad-zapfen verrostet und eingelaufen

Die Zapfen waren teilweise stark eingelaufen (tiefe Rillen) und obendrein verrostet. Damit das Räderwerk frei und möglichst reibungsarm läuft, müssen die Rillen aus den Zapfen poliert werden – wir Uhrmacher nennen diese Arbeit rollieren. Händisch und mit der Polierfeile ist das eine sehr mühsame und langwierige Arbeit, und deswegen habe ich mir vor ein paar Jahren diese geniale Maschine aus den 1960er Jahren gekauft.

Pivofix Zapfenrolliergerät

Pivofix Zapfenrolliergerät

Minutenrad-Zapfen nach dem Rollieren

…und so sieht der Zapfen jetzt aus – absolut glatt und hochglanzpoliert.

Nach den Zapfen musste ich noch einige beschädigte Lagersteine (Rubinlager) ersetzen, von dieser Arbeit habe ich aber leider keine Bilder gemacht. Solche Bilder werde ich bei Gelegenheit bei der nächsten interessanten Reparatur nachreichen.

Die Schrauben der Uhr sind leider auch in einem erbärmlichen Zustand.

Schraube vorher

Schraube vorher

Verdrückte Schraubenschlitze und zerkratze Schraubenköpfe sind eine Qual für jedes Uhrmacherherz. Für mich sind diese Schrauben auf jedem Fall unakzeptabel und deswegen habe ich jede einzelne Schraube entrostet, geschliffen und poliert.

Schraube nach dem polieren

Schraube nach dem Polieren

Und so sieht eine perfekt polierte Schraube aus – ist zwar eine Heidenarbeit, aber das Ergebis kann sich sehen lassen.

Nach dem Anfertigen einiger Federn und der Anpassung der Chronographen-Kadratur, habe ich dann das Werk nochmals komplett gereinigt und eine neue Zugfeder eingebaut.  Die Spirale musste ich noch ausrichten und zentrieren, den Abfall einstellen und die Uhr einregulieren. Von diesen Arbeiten habe ich leider auch keine Bilder…

…und so sieht das Werk jetzt aus

Werk nach der Restauration

Werk nach der Restauration

Werk nach der Restauration

Den Rücker habe ich natürlich auch poliert und wie Sie sehen, konnte ich alle Färbungen, sowohl von den Brücken wie auch auch von den Rädern, entfernen.

Da auch das Zifferblatt bei der Uhr arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, musste das Zifferblatt natürlich restauriert werden.

Zifferblatt

Zifferblatt

Bei diesem Zifferblatt hat mein Zifferblattrestaurator wieder ganze Arbeit geleiste – es ist perfekt geworden. Der Mann braucht zwar ewig für seine Arbeiten (und seine Arbeiten sind auch nicht ganz billig), aber das Warten und der Preis entschädigen bei so einem Ergebnis.

Nach dem ich die Zeiger noch geschliffen, neu lackiert und, mit einer zum Zifferblatt passenden Leuchtmasse, versehen habe, konnte ich das Uhrwerk endlich ins Gehäuse einpassen. So sieht die Uhr jetzt aus.

Fertig_1

Fertig_2

Fertig_4

Fertig_5Fertig_3Die Restauration dieses Glashütte Fliegerchronograph ist wirklich gelungen und neben der schönen Optik, läuft auch das Werk wieder wie neu. Spitzengangwerte (im Chronometerbereich) und eine Amplitude von über 300 Grad zeugen von der überdurchschnittlichen Qualität dieses Urofa 59 Uhrwerks.

An dieser Stelle möchte ich mich auch beim Besitzer der Uhr bedanken, der es mir mit dem selben ästhetischen Empfinden erlaubt hat, die Uhr nach höchsten qualitativen Ansprüchen zu restaurieren.

Noch ein Nachtrag zum verbauten Werk
Das 15-steinige Kaliber UROFA 59 ist in der höchsten Qualitätsstufe „Tutima“ gefertigt. Das körnig vergoldete Werk hat keine Stoßsicherung, ist mit einem Schaltrad und einer Brequet-Spirale ausgestattet. Eine besonders robuste und konstruktionstechnisch kluge Bauweise zeichnen das UROFA (Uhren-Rohwerke-Fabrik Glashütte AG) Kaliber 59 aus.

  • Herstellung: 1941 – 1945
  • Werkdurchmesser: 15“’= 34 mm
  • Werkaufbau: massives Brückenwerk
  • Aufzug: Kupplungsaufzug mit Winkelhebelfeder
  • Hemmung: Ankerhemmung
  • Unruh: Glucydur-Schraubenunruh mit Breguetspirale
  • Steine: 17
  • Stoßsicherung: Wenige mit Shock Resist, mehrheitlich ohne
  • Sekunde: Sekundenanzeige, Stoppsekundenzeiger
  • Besonderheiten: Vorrichtung zum Additionsstoppen und Fly Back Funktion

→ Desktophintergründe

Urofa59_5184x3456

Wallpaper Urofa 59 (hohe Auflösung)

Glashuette_Tutima

Wallpaper Glashütte Tutima (hohe Auflösung)

 

 

5 Gedanken zu „Restauration eines Glashütte Fliegerchronograph aus den 1940er Jahren

  1. Vielen Dank – es war auch eine sehr schöne, herausfordernde Arbeit. Ich habe das Glück eine Arbeit zu machen, die mir auch wirklich Spaß macht.
    Der Reparaturpreis war nicht so schlimm bzw betrug nur einen Bruchteil des Wertes der Uhr.

    Hans Mikl

  2. Ich habe von unseren Großvater ebenfalls eine tutima Urofa 59 in etwas besseren Zustand aber auch renovierungsbedürftig. Uhr ist nummeriert in der Rückseite. Welche kosten kämen ungefähr auf mich zu. Würde den Großvater (96) gerne nochmal die überholte uhr zeigen.

  3. Hallo Michael!

    Das ist sehr schwer zu sagen – so alte Uhren brauche ich unbedingt am Werktisch, damit ich genau weiß was kaputt ist bzw was alles zu machen ist.
    Sie können mir aber gerne die Uhr bringen/schicken und ich mache Ihnen einen Kostenvoranschlag.

    Uhrmachermeister
    Hans Mikl

Schreibe einen Kommentar zu Hans Mikl Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.