WB #18 – Restauration einer Taschenuhr mit Viertelrepetition

Heute möchte ich Ihnen eine sehr schöne, aber auch sehr aufwändige Restauration einer golden Taschenuhr mit Viertelrepetition (Repetition à quarts) und einem 60 Sekunden Zähler vorstellen. Bei der Uhr aus dem 19. Jahrhundert war unter anderem die Sekundenwelle gebrochen. Bevor ich Ihnen die einzelnen Arbeitsgänge zeige gibts wie immer etwas Theorie und ich erkläre Ihnen zuerst was eine Repetition ist.

In einer Zeit in der noch nicht jeder Raum hell erleuchtet war und auch nicht überall elektronische Uhren die Zeit anzeigten, entwickelten findige Uhrmacher eine Möglichkeit die Zeit akustisch bereit zu stellen. Dazu war im Uhrwerk ein weiteres Räderwerk (das Schlagwerk oder Repetition) verbaut, welches mit einem Hebel oder Schieber ausgelöst wird. Die häufigsten Varianten bei Taschenuhren waren die Viertelrepetition (Repetition à quarts), die 5-Minuten-Repetition und die Minutenrepetition.


Bei unserer Taschenuhr hier ist ein Schlagwerk mit Viertelrepetition (Repetition à quarts) verbaut. Hier wird nach der Auslösung und auf zwei verschiedenen Gongfedern (und natürlich auch zwei Hämmer) zuerst mit einem Hammer auf eine Gongfeder die Anzahl der Stunden geschlagen und dann abwechselnd mit beiden Hämmern die Viertelstunden geschlagen. Klingt etwas kompliziert, ist aber ganz einfach. Ist es z.B. 10 Uhr 45 Minuten dann schlagt der Stundenhammer 10 Mal auf die Stunden-Gongfeder und danach abwechselnd beide Hämmer auf beide Gongfedern die Viertelstunden – also in unserem Fall 3 Mal (je 1 Mal für jede Viertelstunde). Die Minuten werden bei einem Viertelrepetierer nicht geschlagen – die gibts nur bei einer Minutenrepetition. Sie sehen dann später aber Bilder und Videos die die Funktion sehr genau erklären…

So haben wir die Uhr in unserer Werkstätte bekommen.

…verbeult, verharzt, angerostet aber ich bin zuerst mal guter Dinge. Die Uhr läuft zwar, aber der Sekundenzeiger bewegt sich nicht…

Nachdem ich die Zeiger und das Zifferblatt entfernt habe war der Schaden sichtbar. Die Sekundenwelle war gebrochen und irgendein „Spezialist“ hatte unvermögend die Uhr zu reparieren einfach den Sekundenzeiger ans Zifferblatt geklebt(!). Das ist Blasphemie und so etwas kann man als Uhrmacher einfach nicht machen.
Zum Glück hat die traumhafte Uhr unsere Werkstätte gefunden und ich führe Sie jetzt durch die gesamte Restauration der Uhr.

Beim Zerlegen kommen die ganzen ausgelaufenen Lager, viel Schmutz und vor allem viele zu viel Öl zum Vorschein…

Hier sehen Sie einen Teil des zerlegten Uhrwerks…

…und eben auch die gebrochene Sekundenwelle – die Welle müsste ungefähr so lange sein, wie auf der anderen Seite des Rades.

Zuerst lasse ich dem Zapfenträger an, also ich mache den Stahl etwas weicher und dann bohre ich mit einem 0,3 mm Bohrer ein Loch in die Stahlwelle. Da dieser alte Stahl sehr hart ist, habe ich mindestens 5 Bohrer gebraucht, damit das Loch die richtige Tiefe hat.

Hier sehen Sie wie ich aus blauhartem Stahl eine neue Sekundenwelle drehe und diese dann rolliere – also auf Hochglanz poliere damit sie dann mit möglichst wenig Reibung im Lager läuft.

Die Arbeit ist gelungen und das Sekundenrad ist fertig. Beide Zapfen passen und die Welle schaut ein wenig über dem Zifferblatt vor – so kann dann wunderbar ein neuer Sekundenzeiger montiert werden. Die Probleme gehen aber weiter….

Nachdem die Sekundenwelle fertig ist habe ich noch alle Lager repariert bzw alle Zapfen rolliert. Leider musste ich feststellen, dass auch das Steinlager des Unruhkloben beschädigt ist. Da wir zum Glück abertausende Lagersteine am Lager haben konnte ich recht rasch das richtige Lager finden und ersetzen. Und weiter gehts….

So, das Uhrwerk ist gereinigt und vorerst ohne Schlagwerk und Chronograph aufgebaut. Die Gangwerte sind für so eine alte Uhr (Baujahr ca. 1890) fantastisch und ich bin sehr zufrieden. Die Uhr schwingt noch nicht ganz aufgezogen 264°, hat einen minimalen Abfallfehler und läuft 3 Sekunden/Tag vor – besser gehts fast nicht.

Weiter geht es mit den Arbeiten und jetzt ist die Repetition dran….

Die alte Zugfeder ist schon viel zu schwach und ich passe eine neue Zugfeder von der Länge her an. Das Räderwerk habe ich schon in Ordnung gebracht und natürlich habe ich alle beschädigten Schrauben geschliffen und poliert.

Das ist die saubere und jetzt funktionierende Kadratur des Schlagwerks. Es gab da einige Probleme bei den Einstellungen bzw der Funktion und am 3. Bild ist sichtbar warum das Schlagwerk und die ganze Uhr vor der Reparatur manchmal blockiert hat. Vielleicht sehen Sie die Ursache… 😉

Weiter geht es jetzt mit dem Gehäuse der Uhr…

Da mich das Schlagwerk doch sehr gefordert hat bzw diese Arbeit sehr anspruchsvoll war, lasse ich das Werk vorerst laufen und widme mich dem Gehäuse. Gleich vorweg – das war keine Entspannung und nachträglich gesehen der schwierigste Teil der Restauration.
Vorerst gab es ein massives Problem mit dem Sprungdeckel. An sich sollte beim Drücken der Krone der Gehäusedeckel aufspringen – das tat er bei der Uhr nicht, weil das Goldgehäuse leider so dünn und verzogen war, dass keine Spannung auf die Feder kam. Ich hab dann die Feder umgearbeitet und eine neue Schraube angefertigt und nach stundenlanger Probiererei habe ich es endlich geschafft das Gehäuse zu reparieren. Ein weiteres Problem ist das extrem dünne Goldgehäuse. Da es so dünn ist dass es mit einem Fingernagel perforiert werden kann, war es sehr schwierig die vielen kleinen Dellen und Kratzer aus dem Gehäuse zu arbeiten. Mit einem Gummihammer und einer Gummiplatte ist es mir dann doch schlussendlich gelungen das Gehäuse dem Alter der Uhr entsprechend gut zu restaurieren. Das war aber wirklich eine Heidenarbeit und in der ständigen Angst das Material zu beschädigen habe ich Blut geschwitzt. Zum Glück ist nichts passiert und auch das Gehäuse ist ganz toll geworden.

So, weiter gehts – jetzt ist der Chronograph, oder besser gesagt…

….der 60 Sekunden Zähler dran….

…der Chronograph ist zwar nicht sehr kompliziert, aber sehr hochwertig gemacht. Mit ein paar Adaptierungen und Anpassungen funktioniert er wunderbar.

Als nächstes suche ich passende Zeiger aus unserem Altbestand…

…. und danach werden alle Zeiger restauriert und mit unserer eigenen Galvanik neu vergoldet. Die Zeiger sehen wieder großartig aus. Jetzt wird das fertige Werk in das Gehäuse eingebaut.

So, das Werk ist eingebaut und jetzt werden alle Funktionen überprüft.

Jetzt hören Sie zum ersten Mal den Klang der Repetition – die Uhr hat dank der hohen Qualität einen wunderschönen Klang…

…und so sieht das fertig montierte Uhrwerk von hinten aus. Schön anzusehen ist der Windfang (Drehzahlregler) für die Repetition welcher die Geschwindigkeit des Schlagwerks bestimmt.

Hier sehen Sie die Funktion des Chronographen von vorne….

…und von der Werkseite.

Die Arbeiten an dieser außergewöhnlich schönen Taschenuhr sind hervorragend gelungen….

…und ich möchte mich wie immer beim Besitzer der Uhr bedanken, dass er mir erlaubt hat dieses schöne Stück aus dem 19. Jahrhundert nach allen Regeln der Uhrmacherkunst zu restaurieren.

Sollte Ihnen dieses Werkstattbericht gefallen haben, dann würde ich Sie bitten einen kurzen Beitrag zu schreiben. So weiß ich auch weiß dass diese Berichte gelesen werden. 😉

Vielen Dank.

Ihr Uhrmachermeister
Hans Mikl & Team
…wo Sie ZEIT erleben

10 Gedanken zu „WB #18 – Restauration einer Taschenuhr mit Viertelrepetition

  1. Ich bin kein Uhrmacher, aber ein Uhrenliebhaber. Ich bin fasziniert von ihrer Arbeit. Habe schon 3 Uhren mit vollster Zufriedenheit bei ihnen reparieren lassen.

    Mit freundlichen Grüssen

  2. Ihre Werkstattberichte haben mich schon um so manchen Schlaf gebracht, da ich einmal auf dieser Seite, nicht mehr mit dem Lesen aufhören kann. Genau wie jetzt.
    Die Taschenuhr ist eine weitere Meisterleitung Ihrerseits, toller Bericht – tolle Bilder / Videos.
    Mehr Lob geht nicht – und bitte weiterhin mehr davon.

    Gruß, ein Abhängiger 😉

    • Es freut mich, dass Ihnen meine Arbeiten gefallen und wenn Sie nur die schönen Uhren abhängig machen, dann habe ich auch kein schlechtes Gewissen 😉 Viel Freude noch mit unserer Website und liebe Grüße.
      Hans Mikl

  3. Guten Tag,

    Vielen herzlichen Dank für diese tolle Dokumentation 🙂

    Ich habe ein ähnliches öde gleiches Modell geerbt

    Würden Sie mir freundlicherweise 2 Fragen beantworten?

    Kenne Sie den Hersteller der Uhr? Kann es sein, daß Sie von Dietesheim /Movado ist? Das hat mir Jemand in einem Uhrenforum geschrieben…

    „Meine“ Repetition funktioniert, aber nur die Stunden, nicht die Viertelstunde obwohl ich 2 Tonfedern sehe und im Deckel :“Heures Repetition Quarts“ steht

    Ich erkenne nur einen Hammer aus einem Stück… Kann es sein, dass eine mechanische Repetition „halb“ funktioniert?

    Sollte Jemand den Hersteller des Werkes kennen – evtl. sogar mit Link – wäre ich unter reinerhaas@gmx.de für jede Information dankbar

    Reiner Haas

    • Guten Tag Herr Haas!

      Vielen Dank – mich freut es dass meine Arbeiten gerne gesehen werden und interessieren. 🙂

      Wegen Ihrer Taschenuhr. Ohne die Uhr zu sehen ist leider alles „Kaffeesud“ lesen. Bitte kommen Sie mit der Uhr vorbei (oder schicken Sie uns die Uhr) damit wir Ihnen weiter helfen können. Wegen dem Schlagwerk –
      das kann viele Ursachen haben. Es kann ein Hebel gebrochen sein, es kann auch nur verschmutzt sein oder etwas außer Eingriff gekommen sein. Wie schon gesagt – ohne die Uhr zu sehen kann ich da leider nicht weiter helfen. Danke für Ihr Verständnis.

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